NEU-TSCHERNJACHOWSKij. Zentaur
Wettbewerbsentwurf eines Iwan-Tschernjachowskij-Denkmales, eingereicht von Jekaterina Danil’tschenko.
Wettbewerbsentwurf eines Iwan-Tschernjachowskij-Denkmales, eingereicht von Jekaterina Danil’tschenko.
Wettbewerbsentwurf eines Iwan-Tschernjachowskij-Denkmals zu Insterburg, eingereicht von Olga Baschnina und Wjatscheslaw Lütynskij.
Wettbewerbsentwurf eines Iwan-Tschernjachowskij-Denkmales zu Insterburg, eingereicht von Alexej Jakimenko (Idee) und Jekaterina Dalnitschenko (Ausführung)
Die Stadt hatte Glück mit ihrem General: die Gestalt Iwan Danilowitsch Tschernjachowskijs ist nicht verbraucht, leicht geheimnisvoll und durchaus positiv.
Es ist die Gestalt eines Helden, schlau, mutig und siegreich, auch wenn er für diesen Sieg mit seinen Leben bezahlte.
Eine Gestalt auf die es leicht zu füßen sei.
Die Stadt lebe wie aufgepfropft: da gebe es eine gewachsene und sich langsam wandelnde Natur- und Bau-Umgebung, sie bilde den Stamm. Auf ihn sind die Menschen, die in dieser Umgebung leben, ein Propf.
Die Umgebung verwandele die Menschen, die ihrerseits auf die Umgebung wirken: sie gehen ineinander auf.
Die beiden Metaphern, des sich opfernden Helden und des Ineinanderwachsens, können zu einer plastischen Grundaussage vereint werden: der Held könne durch die Stadt durchschlagen.
Wie das?
Dem Stadtgrundriß wird eine Silhouette des Heldenriesen unterlegt — ein verbreiteter Topos, vom biblischen Adam bis zum nordischen Mimir. Sein Gesicht wird zum Platz, wo die Menschen herumlaufen, aus unebenem Stein, erhabenen Stellen aus örtlichem Ziegel, den Augenbrauen aus Baum und Busch.
Hier schaut man in die Brunnenhöhlen seiner Augen, nimmt Platz auf der Wange, steigt aufs benachbarte Dach und sieht wahrhaftig, daß dies Platz ein Portrait sei.
Auf die gleiche Weise ziehe man mit Park- oder Teichanlagen hie eine Hand, da eine Ordensspange oder ein Fuß: so wachse Tschernjachjoiwskij durch die ihm gewidmete Stadt.
Organisch in der Materialauswahl, wird er Fleisch vom Fleische des Ortes.
Die Umsetzung einer solchen Struktur braucht nicht zu eilen und kann, mit den sonstigen Stadtverschönerungs-Arbeiten verknüpft, phasenweise erfolgen.
Das Vorhandensein eines traditionell-figürlichen oder auch andersartigen Iwan-Tschernjachowskij-Denkmales wird durch die «Neue Planunterlage» nicht in Frage gestellt.
Der Vorschlag stelle ein Konzept dar, ohne konkret auf bestimmte Stadtbereiche einzugehen: dafür ist es noch zu früh, hier gehe es um ein allgemeines Prinzip, welches stadtübergreifend die Idee des Zusammebringens verschiedener Geschichtsebenen in ein wirkliches Ganze einbringe.
Wettbewerbsentwurf eines Iwan-Tschernjachowskij-Denkmales zu Insterburg, eingereicht von Aristarch Zifrowoj-Digital und Archip Poistschi-Suchemal.

Ein Tschernjachowskij-Denkmal ist wie ein Kantisches Ding-an-sich, ein Gegenstand, dessen Idee einem verschlossen bleibe. Wir mögen uns erinnern und glauben zu wissen, was es für ein Mann war, der im Krieg umgekommene General. Doch zu begreifen, was dieser Tschernjachowskij heute sei, könne man nur durch rein subjektive Auswahl der Daten und Fakten aus dem, was die Kulturgeschichte unter seinem Namen führe. Jedes dieser Versuche sei im Grunde viel zu konkret und halte keiner Kritik stand.
Die sowjetische Art des Heldenhuldigung in der Topographie ohne Kritik von uns weisend, schlagen wir ein irrationales Konzept des Umgangs mit der Erinnerung an Tschernjachowskij vor. Der Name wird Gegenstand, wird Tabu, wird Welt, wird Lebensvorgang.
Insterburg unter dem Namen Tschernjachowskijs ist heute ein unbestimmter Ort, verloren in der Zeit. Ein Teil der Stadt sterbe ab, und ein gänzlich anderes wachse darauf wie ein abhängiger und doch abgestoßener Organismus: der Raum ist entzwei, das Bild der Stadt könne kaum noch ohne etwas auseinanderfallendem oder mit Gras überwuchertem gedacht werden. Die Stadtgestalt verdüstere, dem Namen des Generals entsprechend (“Tschernyj” bedeute im Russischen “schwarz”) — hier seien die Nächte düster, das Stadtlicht falle aus, die Stadtwerke im Allgemeinen im Verfall, die farblichen Konnotationen nur unterstreichend.
Als Denkmal wird eine Gruppe geometrische Primitive frei nach Kasimir Malewitsch in den unterschiedlichen Stadtteilen vorgeschlagen. Die Urformen weisen in die Ewigkeit und verkünden zugleich wie unwesentlich für die Gedankenwelt der Mensch und die lebendige Natur überthaupt seien. Als Baumaterial wird Hochleistungs-Kunststoff gewählt.
Kubus, Zilinder, Kugel und Pyramide bilden den Grundstock architektonischer Formen. Jede habe eigene Symbolwerte und urbane Traditionen vorzuweisen, jede belege einen bedeutsamen Ort: den Rathaus am Hauptplatz der Stadt markiere die Rundsäule, für Wohnorte stehe der Würfel, für Parkräume die Kugel und für die Gedenkräume die Pyramide.
Außer Belegen der Funktionen im Stadtraum tragen die Objekte keine weitere Funktion: innen hohl, beinhalten sie nichts als die Insterburger Luft.
Wettbewerbsentwurf eines Iwan-Tschernjachowskij-Denkmales zu Insterburg, eingereicht von Ilarion Pikin (Tchernigow)
Der Gedanke, der diesem Entwurf zugrunde liege, stelle die tradierten Denkmal-Begriffe auf den Kopf: was in der Kunstgeschichte von einem Standbild auf einem Sockel (Antike, Renaissance) zu einer Figur auf Augenhöhe mit dem Betrachter wandelte (Rodin), und von da zum abstrakten bis surrealen Gedenken an ein Ereignis, wird erneut neu gefaßt. Die vorgeschlagene Option ist die Sicht des 21. Jahrhunderts darauf!
Iwan Tschernjachowskij ist der Befreier, der Beschützer und Hüter der Stadt. Sein Uniformrock ist wie ein Heiligenmantel schützend über dem sowjetischen Erbe des Landes — wie kaum etwas anderes verlangt die heutige Lage nach diesem Schutz. Mit jedem weiteren Jahr wird der Tchernjachowskij immer mehr und zu immer stärkeren Mythos… verbinde man den General als Stadt-Beschützer und -Wächter der Stadt mit der Flugmechanik, bekommen wir einen — fliegenden Tschernjachowskij-Denkmal. Die befllugelte Generalsfigur schwebe entlang der von den Autoren bestimmten Routen, zu bestimmten Zeiten, im Einklang mit den Ereignissen im Leben der Stadt und ihrer Bewohner. Die schwarze Gestalt im Himmel, was auf den Namen des Generals anspiele (“Tschernyj” bedeute auf Russisch “schwarz”) versinnbildliche den Engel: lokal in der Farbe, von jeden religiösen Vorurteil fern — ein Ikaros der Neuzeit (frei nach dem “Sieg über die Sonne” Matüschin/Krutschenychs).
Die Köpfe zum Himmel gewandt, beobachten die Zuschauer das Denkmal, verfolgen die Bewegungsbahn der geflügelten Figur, Schauen sie sich in unterschiedlichen Stadtperspektiven an.
Eine ingenioeursmäßige Lösung der Flugkonstruktion wird hier nicht erörtert und soll auch im Falle der Umsetzung geheim bleiben, und das Wunderbare des neuen Mythos nicht zu beflecken.