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«Zustand der Baudenkmäler in Nordostpreußen: eine Abschätzung»

Von: 12inster_admin34534

“Erfahrungsbericht des Architekten und Bundeskoordinators, Präsentation des Programms zur Restaurierung und Neunutzung der Architekturdenkmäler” ein Vortrag des Architekten-Restaurators Alexander Epifanows, für das Kolloquium vorbereitet aber nicht vorgetragen.

I. Allgemeines

Das kulturhistorische Erbe von Ostpreußen, welches heute den westlichsten Teil Rußlands unter dem Namen der Region Kaliningrad bildet, war und ist ein integraler Bestandteil der europäischen und deutschen Kultur. Eine vollständige Auslistung hiesiger Philosophen, Schriftsteller und Dichter können wir uns ersparen, man denke nur an Immanuel Kant, Johann Herder, E. T. A. Hoffmann, Simon Dach, Agnes Miegel, Johannes Bobrowski usw.

Die Hochmeister des Deutschen Ritterordens, die Herzöge und Könige von Preußen waren in den vordersten Reihe jener historischen Persönlichkeiten, die die Geschichte und die politische Geographie Europas bestimmten.
Die Ereignisse des letzten Jahrhunderts, als Infolge des Zweiten Weltkrieges Ostpreußen zum Teil der Sowjetunion ward, veränderten grundlegend, ja löschten ersatzlos eine der Kräfte, die durch die Geschichte hinweg das Leben hiesiger Menschen prägten und leiteten, die Kraft der historisch-kulturellen Kontinuität.
In den letzten Jahrzehnten kamen einige Teile des historischen Kulturerbes schrittweise wieder in den Umlauf; Literatur, Philosophie, Wissenschaft und Architektur wurden von der neuen Bevölkerung der Region in den eigenen Kulturbereich übernommen.

Was das architektonische Erbe anbetrifft, so herrschte nach 1945 ein pragmatischer Umgang mit ihm. Ließ der Grad seiner Sicherheit und die Bedürfnisse der neuen Bevölkerung es zu, fand ein Baudenkmal schnell zu einer neuen Nutzung, wurde ohne viel Aufsehens entsprechend angepaßt und als Verwaltungsbau oder öffentlicher Bau, als Kaserne oder Knast, oder auch als Wohnbau weitergenutzt. Häufig, jedoch nicht immer entsprach die neue Nutzung auch der alten.

Andere Denmäler ließen eine angemessene und sinnvolle Umnutzung nicht zu: etwa Sakralbauten und die Schlösser. Hierbei ist hinzuweisen, daß die erhaltenen Pfarrkirchen auf dem Lande meist dadurch erhalten blieben, daß man sie zu Kornspeichern und anderen Lagern umbaute.
Alles andere, was sich schnellerer praktischen Verwendung entzog, oder als ein Sinnbild der fremden (in der Nachkriegszeit bedeutete dies auch – der feindlichen) Kultur seinen Stempel bekam, wurde zum Abbruch freigegeben oder auch demonstrativ zerstört (Königsschloß in Königsberg).

Die Immobilien wurden zum schwächsten Teil des historischen Kulturerbe. Anders als andere Gattungen des Kulturlebens, etwa  Worte (ein Wort ist per Definition unsterblich), Musik, Malerei, oder Skulptur, könnten sie weder in Sicherheit gebracht, noch jemanden anvertraut oder versteckt werden.

Zu den ausdruckstarksten dessen, was wir eprrobt, und schon h tt ente des 13. bis 16. Jahrhunderts, der Zeit der Eroberung und Christianisierung der heidnischen Prußen, die Zeit der strengen nordischen Backsteingotik des Ordensstaates. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde das bauliche Erbe der Ordenszeit von den deutschen Kulturschaffenden in Detail aufmerksam untersucht und erfaßt.

Paradox wie es klingen mag, existiert auf dem genuin europäischer Kulturkarte heutigentags ein Blinder Fleck, uns es umfaßt die Länder Ostpreußens, eines Landes mit dem an der Tragik kaum zu überbietenden Nachkriegsschicksal, eines Landes, was aufgehört hat, ein Land zu sein.

Die Klageliste der Denkmalschäden und -Verluste Ostpreußens nach 1945 hat mit viel Geduld und Akribie A.P. Bachtin festgelegt. Nach der Definition aus einem seiner Bücher wird der Vorgang des Verschwindens der Baudenkmäler der Region als “vergessene Kultur» genannt. Genauer wäre der Vorgang als die “uns verlassende Kultur” zu nennen.

II. Fragen der Erhaltung der Baudenkmäler

Aufgrund Weltumwälzung der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde ein Teil Europas, als Ostpreußen bekannt, zu Rußland geschlagen. Seit 1945 sind auf diesem Gebiet, mit all seiner komplizierten und tragischen Vorgeschichte, mindestens zwei Generationen geboren; für sie ist dieses Land und siner Kultur ihre einzige Heimat. Daraus entsteht in der einen oder anderen Form der Drang, den gesischichtlichen Kulturbesitz, von den heidnischen Prußen an, kennen zu lernen, zu durchdenken und zu begreifen. Architektonischen Denkmälern kommt dabei eine besonders herauragende Rolle zu: sie sind ein Teil des kulturellen Erbes und Beispieole der mannigfaltigen Entwicklung.

In den letzten Jahrzehnten des XX Jahrhunderts fand in Königsberg ein selektiver Anpassungsprozeß statt, der die Bauten unterschiedlichster Provenienz neuer Nutzung in irgendeiner Form zuführte, inklusive der ehemaligen Gotteshäusern. Es ist handele sich einmal um dien Königsberger Dom, die Luisenkirche (fürs Puppentheater umgebaut), die Kirche der Heiligen Familie (derzeitige Philharmone), sowie um Gebäude vieler Kirchen, die seit 1985 an verschiedenen Konfessionen verteilt wurden: einen Großteil übernahm die  Diozäse Königsberg der Russisch-Orthodoxen Kirche, und zwar sowohl in der Stadt selbst, als auch in der Umgegend.

Solcher Beispiele gebe es viele, doch die Höhe der der kulturellen und praktischen Bedeutung von Baudenkmälern steht in keiner Relation mit ihrer Anzahl und vor allem der Unmöglichkeit, diese Bauten elementar zu sichern.

Derzeit verlieren wir Baudenkmäler nicht etwa aufgrund politischer Entscheidungen und böswilliger Handlungen, sondern aus Mangel an Verständnis auf allen Ebenen der Gesellschaft, des Verständnisses der Bedeutung der Erhaltung des kulturellen Erbes als einer Voraussetzung für späteres vollwertige Leben.

Die Gebietsverwaltung übersieht dieses, und das hat zur Folge, daß die Denkmäler dauerhaft zerstört werden, sei es durch Wetter, durch emsige Arbeit der an den Ziegeln interessierten Anwohner, sei es durch Vandalismus.

Im schlimmster Lage befinden sich Kultusbauten an der Peripherie, die einer wie auch immer gearteten Nutzung entbehren. Einen wirksamen staatlichen Schutz gebe es so gut wie gar nicht, und es liege nur am Erfindungsgeist der Bevölkerung, ob sie physisch erhalten bleiben. Bei den Strafverfolgungsbehörden stehe die Aufgabe, den Schutz des kulturellen Erbes sicherzustellen, nur unter “ferner liefen”, die Denkmäler sind daher völlig wehrlos.

Das historische und kulturelle Erbe Nordostpreußens ist bedeutsam auch in seinem jetzigen Zustand. In einer solchen Lage ist es sehr wichtig, ein umfassendes Bild über die Menge und  Zustand der erhaltenen Denkmäler zu haben, vorrangige Maßnahmen zur Sicherung ihrer vor weiterer Zerstörungen zu erarbeiten, Mengen und Kosten der zu bewüältigenden Baumaßnahmen zu ermitteln.

Ein jedes Denkmal brauche einen Denkmalpaß, und gleichzeitig mit der Erstellung solcher Pässe ist es notwendig, eine Prioritätenliste festzustellen jener Denkmäler, an denen Gefahr im Verzuge sei und zwecks dringender Unfallverhütung Arbeiten durchgeführt werden müssen. Ferner bestimme man weitere Denkmäler, für die Restaurierungsentwürfe und Budjets erstellt werden sollten und die Finanzierungsquellen ermittelt.

Anhand der vollständigen Listen vorhandener Baudenkmäler müssen geschichtliche und architektonische Grundlagenpläne für die historischen Städte Nordostpreußens aufgestellt werden  durch spezialisierte Projektgruppen der Restaurateure. Diese gehen in die Flächennutzungsplanung der Städte hinein, und in die Modellplanung ihrer sozio-ökonomischen Entwicklung.

III. Erfahrungen als Bundesarchitekt-Koordinator der Bundeskulturministeriums in der Region Kaliningrad, 1999 bis 2008

Die praktische Tätigkeiten der Restaurierung von Denkmälern konnten in dieser Zeitspanne nur mit Hilfe der Bundesmitteln vom russischen Kulturministerium bestritten werden. Hierfür wurden mit Hilfe des Wissenschaftlich-praktischen Zentrums Denkmalpflege (Königsberg) jährliche Haushaltspläne für die wertvollsten Objekte  kulturellen Erbes aufgestellt. Durch die Fachleute des Spezialrestaurierungs-Instituts des Moskauer “Specprojektrestavratsiya Kulturministeriums waren darauf Foscrhungen durchgeführt und Entwürfe genehmigt für die bedeutendsten Denkmäler in Königsberg und Nordostpreußen:

  • Katharinenkirche in Arnau (XIV Jh.). Die Mitteln stellte das Kuratorium Arnau, Deutschland, bereit
  • Königstor (durchgeführt zum Stadtjubiläum Königsbergs)
  • Fiedrichsburg-Tor (wird umgesetzt)
  • Sackheimer Tor (wird umgesetzt)
  • Brandenburger Tor
  • Turm der Kaserne «Kronprinz»
  • Wrangel-Turm

Ferner wurden in Nordostpreußen Grundlagen-Erhebungen und Sicherungsarbeiten an der Burg Ragnit durchgeführt, am Denkmal für Barclay de Tolly, an der Gedenkstätte der Schlacht von Eylau durchgeführt; ein Restauerierungsentwurf ist für die Kirche in Tarau erstellt worden, ein Konzept der Restaurierung und moderner Nutzung der Burgen Balga und Brandenburg. Am Wissenschaftlichen Forschungsyentrum für Nordostpreußen wurde die Arbeit Paß-Ausstellung für die wertvollsten Denkmäler aller Typen; 29 solcherPässe sind and Kulturministerium übergeben.
An der Burganlage Insterburg folgte nach der umfassenden Forschungstätigkeit ein Entwurf der Restaurierung des Stalles und der Konservierung des Haupthauses (die ersten Sicherungsarbeiten bereits durchgeführt). Ein Sanierungs- und Neunutzungs-Konzept des Schlosses als Ganzes liegen vor.
Ein Internationales Seminar zur  “Fragen des Zustandes, des Schutzes und der Nutzung des kulturellen Erbes Nordostpreußens, der Stützung der Ostseeanrainer und der Vorbereitung der Umsetzung des Modellprojektes “Halland-Kaliningrad-Warmien-Mazuren” (Rußland-Schweden-Deutschland) fand in Moskau im Jahre 1999 statt.
Alle diese Arbeiten sind aus Mitteln des Bundeshaushalt in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Kultur der Region Kaliningrad durchgeführt .
Das Wichtigste ist derzeit die Vorbereitung der Umsetzung dieser Projekte wenigstens in seinen Hauptteilen, durch die Amtsstellen Nordostpreußens unter Zuhilfenahme des örtlichen “Rosochrankultura”-Zweiges. Die Arbeiten an der Burg Insterburg sind da ausdrücklich mit erwähnt.
Angesichts der Lage der Region sollten enzelne Sanierungsprojekte zur gemeinsamen Umsetzung durch die Ostsee-Anrainer und europäische Partner angeboten werden.

IV. Vorgeschlagenes Prioritätenprogramm für die  Erhaltung und zeitgemäße Nutzung von Denkmälern der Geschichte und Kultur Nordostpreußens.

  1. Die Durchführung einer stufenweisen Ausstellung der Pässe an jedes Denkmal unter Mitarbet der Fachgruppen aus Europa
  2. Zusammenstellujng der Prioritätenliste von Baudenkmälern, den ältesten und wertvollsten historischen und kulturellen Einstellungen, und Durchführung der Sicherungsarbeiten. Diese bestehen aus der Ermittlung der Auftragsvolumina und der anfallenden Kosten fir dafür benütigt werden, um Denkmäler in ihrer physischen zu sichern.
  3. Schrittweise Umsetzung der Unfallverhütung auf dieser Liste der Sicherungs- und Unfallverhütungsmaßnahmen in kürzester Zeit, um sie in den Kulturumlauf zu defnieren. Fürs Erste wird das reichen müssen, wir werden uns um eine gute Fremdenführung mühen..
  4. Ausarbeitung von Vorschlägen für die mögliche Nutzung der Denkmäler nach der Konsersvierung unnd Wiederherstellung der Werke, inklusive der reglementierten kompensatorischen Neubebauung. Die einzelnen Denkmäler und einzelne Denkmalkomplexe sollten die Integration der Baudenkmäler ins heutige Leben beobachten-
  5. Bestimmung der möglichen Quellen der Finanzierung der obigen Arbeiten. In Frage kommen sowohl staatliche, als auch öffentliche Organisationen aus Rußland und Europa.
  6. Erstellung eines umfassenden Plans für die Umsetzung der obengenannten Arbeiten.

V. Bedingungen für die Umsetzung des Programms

Bis zum Jahre 2009 wurde die Restaurierungsarbeit an den Bundesdenkmälern vom Moskauer Bundeshaushalt bestrittens. Gegenwärtig sind aber Bundesdenkmäler in die Landesbdenkmäler herabgestuft worden, wodurch die Erhaltungsarbeit am architektonischen Erbe die Bundesmittel verlor.

In einer Lage wie dieser ist es eminent wichtig, die Bemühungen einzelner Organisationen und Personen, einschließlich der Nachbarstaaten des Ostseraumes, an die Bewahrung des kulturellen Erbes Nordostpreußens zu richten. Ferner ist es notwendig, den Europäischen Gemeinschaften die Notwendigkeit der praktischen Unterstützung klar zu machen, denn die Geschichte und das Kulturerbe dieser Region ist und bleibt ein Teil der europäischen Geschichte und Kultur.

Eine zwingende Voraussetzung für die Durchführung dieses Programms ist die Schaffung des Koordinierungsrates der interessierter Stellen unter Teilnahme von internationalen Experten auf dem Gebiet der Restaurierung. Seine Umsetzung ist ferner unmöglich ohne die Unterstützung und Zusammenarbeit mit lokalen Behörden und Bürgervereinigungen Nordostpreußens.

Angesichts des Mangels an qualifizierten Fachkräften in Nordostpreußen ist es wichtig, für das Vorhaben die Unterstützung des Moskauer Bundeskulturministeriums zu sichern, sowie jenes der führenden russischen Restaurierungsstellen. Sie könnten dann in Fragen der wissenschaftlichen Erforschungsmethoden, der praktischen Aspekten der Forschung, des Schutzes und der Restaurierung von Geschichts- und Kulturdenkmälern Nordostpreußens mit Rat und Tat beistehen.

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