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Baugeschichte der «Bunten Reihe»

Von: 12inster_admin34534

Den östlichen Stadtrand von Insterburg bildete seit 1865 der Einschnitt der Tilsiter Bahn. Stadtseitig dehnten sich die großen Militärareale an ihn heran, auch der Rückgrat des Bezirks hieß passend “Kasernenstraße”. Sie ging in eine Landstraße nach dem weiter östlich gelegenen Dorfe Kamswyken über; nach dem legendären Kamswykus wurde auch die neue Siedlung genannt, die Hans Scharoun für seine drei Auftraggeber unmittelbar an der Stadtgrenze plante.

Dem etwa 6,25-Hektar-Feld teile Scharoun einen 100m tiefen Streifen entlang der Kamswyker Allee ab, und bestimmte ihn für städtische dreigeschossige Häuser. An der Bahnbrücke ward dieser Streifen zu einem Bogen, einem angedeuteten Eingangsplatz der Siedlung. Der Vorstadtlage entsprechend gab es hier keine abgezirkelte Blumenrabatte, sondern ordentliche Nutzvorgärten. Dem Bogen kam auch eine weitere Bedeutung zuteil: hinter ihm lag ein Feld mit Ställen, und diese zeigte man nicht gerne.

Die Häuser, zu denen die Gärten und Sälle gehörten, bildeten auf dem verbleibenden Großteil des Grundstückes die eigentliche „Bunte Reihe“: eine Stichstraße, oder sogar ein Anger, im rechten Winkel von der Kamswyker Allee abgehendВ — Angerformen waren beliebt, und gerade in Ostpreußen seit den landwirtschaftlichen Kolonien FriedrichsВ II. heimisch. Er schloß die Anlagen seinerzeit noch mit besonderen Querbauten, Scharoun hingegen bediente sich wesentlich geringerer Mittel. Seine beiden Hausreihen, von der Landstraße durch einen breiten Freistreifen abgesetzt, beginnen mit einer Einschnürung des Straßenraumes — zu den beiden Seiten stehen hier zwei Läden einander gegenüber. Von ihnen ausgehend, weitet sich die Straße um unbedeutend tiefe Stufen, um sich am entgegengesetzten Ende wieder aufs Normalmaß zu verjüngen; auch der Volumenschmuck der Reihenhäuser ist ausgesprochen bescheiden, doch im Ergebnis der Gemeinschaftsbildung genauso wirksam. Die Zweigeschosser kennen nur flache Dreieckserker: hie sind es ihrer zwei, dort vier, dann steht ein Haus ganz ohne; die Gartenwände sind ohne jeglichen Fassadenspiel — doch die flachstehende ostpreußische Sonne wirkt Wunder an der annähernd nord-südlich verlaufenden Straße! Tiefe Schatten lassen die Flachreliefs vollplastisch wirken — auch heute noch, wo sie der namensgebenden Farbtöne entbehren.

Blasse Hauswände und die Blöße nackter Ziegeln strahlten einst Rot, Blau und Gelb; ihre Fenster umfaßten grüne, orange, gelbe Putzprofile, bereits die Erker-Auffaltungen ergaben eine Vielzahl an Kombinationen — doch auch die Treppenhäuser kannten drei Typenlösungen ihrer Fenster, zwei Eingangsfassungen und weitere zwei für die Eingangstüren, ein Regelblatt und ein besonderes für die Ladenhäuser. Vom Grundriß identische Wohnungen (flurlose Drei-Zimmer-Typen mit Kammer, Küche und Innentoilette) erhielten durch gekonnten Einsatz dieser Lösungspalette ihren unverwechselbaren Antlitz, eine Typengestalt wurde zu Adresse, die Haustür, von mehreren Perspektivrahmen umfaßt und weit abgefasten Putzprofilen versehen — zum Portal. Von farbig abgesetzten Putznischen und Sonderfenstern bekrönt, erhellten sie die Straße auch am düsteren Wintertag in bunten Tönen.

Das einhetliche Rot der ostpreußischen Dachpfannen faßte die bunten Wände wieder. Kurz vor den Enden der Längsreihen stießen vorstehende Scheidewände durch sie hervor, tafelartig dekorativ hochgezogen. Im Felde trugen sie ein Vierzack-Stern, wie man ihn auch an so mancher Stelle der Siedlung antrifft — und auch an den Aquarellen, die Scharoun an die Gläserne Kette schickte.

Auffällig anders und doch ein Teil der Gesamtreihe sind die Endhäuser mit Läden (eines fehle nach einem Umbau). Breite Schaufenster, dreieckig vorgezogen wie die Erker der sonstigen Häuser, sind hier mit den beiden Eingangstüren zusammengefaßt und durch Zier-Verklinkerung hervorgehoben. Auch die Türblätter sind vom eigenen, sonst nirgends vorkommenden Typus, mit größeren Glaseinsatz und bunter Ausmalung. An der Wand erkenne man noch die Spuren abgeschlagener Werbesprühe.

Viel geschlossener, geradezu stadtfein zeigten sich die Geschoßhäuser an der Kamswyker Allee. Nicht nur ist die Straße ihre stets verschattete Nordseite, auch dem Besucher, aus der Innenstadt kommend und an der Bahnbrücke haltend, zeige sie sich perspektivisch stark geschrumpft: vorspringende Elemente an den Längsfassaden brächten hier keinerlei Vorteil. Nur die Treppenhäuser brechen mit ihren Nischen die glatte Wand auf; die Nischenwangen sind ein wenig ausgestellt, auf daß sie sich dem Besucherblick zeigen.

Wie anders die Hofseiten der Stadthäuser: auf voller Länge der Südsonne ausgesetzt und mit beinahe 250m tiefen unverbaubaren Gartenareal vor den Fenstern, schöpfen ihre leicht gezupfte Loggien alle Lagevorteile aus. Paarweise markierten sie die Küchen des Hauses, sind jedoch heute bis auf die eine verglast und zu Erkern geworden — eine Behandlung mit Tradition: schon die ersten Loggien, am Markt von Bischofsburg eingeführt, bekamen ihre winterliche Befensterung gleich mit. Die Wohnungen im einzig erhaltenen östlichen Haus an der Kamswyker Allee sind kleiner, als die in der Bunten Reihe, jene im zerstörten Haus waren hingegen größer: bei gleicher Länge weise das eine Haus vier, das andere nur drei Aufgänge auf. Ihr Ausbauniveau war höher, als jenes der ersten Bauabschnitte: besondere Badezimmer in jeder Wohnung und gemeinschaftliche Trockenböden kannte man nur dort. In den 1950ern sind hier auch unterm Dach Wohnungen ausgebaut worden.

Die eigentliche Schauseite besitzen die Stadthäuser an ihren Enden: leicht zugespitzt laufen sie auf die Stadt zu, und regelrecht in Fahrt geraten sie, wo an der Spitze die Wandflucht von den rautenförmigen Halbloggien fortfesetzt wird. Ihre Umfassungen, breit an der Decke und sich zum Fußboden verjüngend, verstärkten den Zugeffekt, zumal hinter dem ersten stadtseitigen Haus an der Bahnbrücke in derselben Flucht ein weiteres im Kielwasser folgte, auch mit der gestalteten Stirnseite.

Wir können annehmen, daß die Einfahrt in die neuangelegte Stichstraße ähnlich durchdacht gelöst war: das Haus an der Bahnbrücke ist im Krieg verloren worden, wohl bei dem Kämpfen an den naheliegenden Kasernen beschädigt, doch fehlen von der einstigen Einfahrt die Photos. Auch die Rolle der beiden Stadtvillen erfordere weitere Aufklärung: von gleicher Gestalt und beide der BWG gehörig, wiesen ihre Eingangsrisalite rautenförmige Putzprofile auf, die in der Siedlung sonst nicht vorkommen, und waren im Inneren den anderen Siedlungshäusern und nichteinmal ihrem Gegenüber im Zuschnitt gleich — beinahe so, als ob der künftige Bewohner ihre Gestaltung mit bestimmten. Nirgends mehr erhielten die Wohnungen eine besonders gestaltete achteckige Eingangshalle.

Die Bewohner der ersten Stunde waren durchweg Arbeiter, Monteure und auffällig viele Eisenbahner: im ersten Bauabschnitt allein 23 Lokführer, Weichensteller und Werkmeister samt Familien, im zweiten ihrer neun. Eine weitere große Gruppe stellten die Post- und Telegraphensekretäre, Postschaffner und Post-Assistenten: im ersten Bauabschnitt gab es ihrer 15 und im zweiten genausoviel. Den dritten Bauabschnitt, das Haus an der Bahnbrücke mit Bogenflügel, baute die Reichsbahn-Verwaltung, hier war die eigene Belegschaft wieder in der Mehrzahl, mit 24 Eintragungen in Adressenbüchern. Im Haus der städtischem Kleinsiedlungsgesellschaft waren die Mieter gemischt: Kaufleute, Beamte.., ein Militäranwärter, ein Soldat und ein Wachmeister. Die Belegung erfolgte wohl Zimmerweise, denn die Zahl der angegebenen Haushaltungen übersteigt die Wohnungszahl.

Nach dem Kriege bestimmte der Moskauer Ministerrat 1947, die Häuser den Betrieben zuzuteilen, auf daß die eigenständig die eigene Belegschaft versorgen: in der Bunten Reihe und der Kamswyker Allle, nunmehr zu Elevatorenstraße und Rote-Flotte-Straße umbenannt, waren dies die Getreidesilowerke, die wenig weiter südlich standen, und die Militärlager in den alten Artilleriekasernen. Trotz klarer Anweisungen und in guter Vorkriegstradition waren die Häuser nie “belegungsrein”, und auch die zimmerweise Einquartierung setzte sich fort, bis in den 1960er Jahren der Massenwohnungsbau wieder anlief. Die Häuser wechselten dann aus der betrieblichen oder Garnison-Wohnungsverwaltung in die Obhut der Stadt.

Fortgeschrieben wurde auch die Selbständigkeit der Siedlungsversorgung: hatte sie vor dem Kriege zwei Einkaufsläden (1937: Lebensmittel Otto Weißenberg und Schneiderei Gertrud Behlau), so machte nach dem Kriege nur eines wieder auf, als Gemischtwarenladen (aus dem anderen ward eine Wohnung) — doch ins Langhaus der KSG zog 1947 ein Postamt, zu dem sich bald eine Sparkassenfiliale hinzugesellte. Des Sommers richtet man in den 1950—60er Jahren Kioske in der Straße ein, Imbißbuden und fahrbare Eistruhen. Die Gegend konnte gar zum Erholungsort werden, den aufgelassenen Friedhof sah man schon als Freizeitpark wiedererstehen — außer Bretterzaun ist wenig daraus geworden. Beinahe genossenschaftlich gab es auch eine Mieterselbstverwaltung, sogenannte Straßenkomitees, denen neben Gemeinschaftsabenden und -Aktionen auch lokale Stadtverschönerungen oblagen, so Baumpflanzugen, Müllabfuhr, Brandabwehr… Zumindest auf dem Papier.

Die Sparkasse zog wieder aus, das Laden hatte bis in die 1970er Jahre Bestand, als in der Nähe eine größere Einkaufshalle aufmachte. Momentan stehe es leer.

Bis Anfang 1950er werden die Stallungen im Hinterland der Bunten Reihe bestanden haben, ab da verwischt sich ihre Spur: Kuhhaltung in der Stadt lohnte sich auch für die vom Lande kommenden Umsiedler nicht mehr. Bis es aber soweit war, quartierte derjenige, der bei der Stallverteilung zu kurz kam, seine Kühe und Schweine auch mal in den Kartoffelnkellern ein, wie in den Häusern 5 und 6. Die Gemüsegärten hingegen finden ununterbrochenen Zuspruch, und das bei eher städtischen Wohnen auf der Etage: “hinten die Ostsee, vorn die Friedrichstraße” des kleinen Mannes. Ehedem wird der Weltensprung noch deutlicher bestanden haben: vor der Siedlung befand sich die Wendestelle des Insterburger Oberleitungsbusses — ein so modernes Verkehrsmittel besaß nichteinmal Königsberg!

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