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6 Rundschuppen der Ostbahn; №1, Schneidemühl

Von: 12inster_admin34534

Am 27. Juli 1851 erreichte die Preußische Ostbahn, von Küstrin nach Bromberg gehend, die kleine Stadt Schneidemühl. Bereits ein Jahr später reiste man von hier nach Danzig, mit einmaligem Umstieg — bis nach Berlin; nach einem weiteren Jahr und mit nochmaligen Umstieg — auch bis nach Königsberg. Die Weichselbrücken kamen 1857 ins Netz, zusammen mit der Strecke nach Landsberg und Frankfurt, in 1860 erreichten die Gleise Insterburg und Eydtkuhnen, in 1861 — Bromberg und Thorn, am 1. Oktober 1867 schließlich auch Berlin: dem Fortschitt, der Wirtschaft, der Zeitschnelle riß die Bahn im preußisch-polnisch-litthauischen Hinterland Tür und Tor auf.


(größere Kreise zeigen die Rundschuppen-Standorte)

Kaum fertig, ging man an die Erweiterung heran: ab 1871 werden alle Strecken mit zweitem Gleis versehen, die Bromberg-Umfahrung über Könitz und Dirschau wird erbaut und auch die Königsberg-Umfahrung über Thorn und Insterburg.
Günstig gelegen, wächst die Stadt Schneidemühl, die heutige Piła, zum natürlichen Zentrum des Nordost-Netzes: das erste Runddepot zum Wechseln und Warten der Lokomotive wird hier 1870 zum Bau angekündigt.

Der Bau der 16-Stände-Anlage beginnt spätestens 1871, bereits 1874 geht sie zusammen mit dem neuen Bahnhofsgebäude der 1.-Klasse-Station in Betrieb. Der Entwurf erwies sich als günstig, nach Schneidemühl sahen ihn Berlin, Bromberg, Dirschau, Insterburg, wieder Berlin

(Grundriß EG, Arbeitsgruben KG, Sparrenriß, Pfettenriß, Fassade, Schnitt durch die Einfahrt)

  • Das Depot faßt 13 Lokomotive bis zu 11m Länge. Drei weitere Gleise dienen der Ein- und Ausfahrt; alle sind mit 12,5—13,5m langen Arbeitsgruben versehen.
  • Die Schwedler-Schalenkuppel überspannt 31m und steigt auf 16m im Scheitel, wo eine Lüftungs-Laterne von 6,5m Durchmesser weitere zwei Meter Höhe zusteuert. Sie erwies sich als unzureichend, über jedem Lokstand mußte es ein Abluftrohr aushelfen, inzwischen abgängig.
  • Die Kuppel wird umringt von einem pultgedeckten Nebenschiff mit zusammengesetzten genieteten Fischbauchträgern (9,7m weit, 8,0m kuppelseitige Höhe, 6,2m an der Außenwand).
  • Die Pappdächer mit ihren Brettertafeln-Unterkonstruktionen entsprechen in der Größe den kreuzweise diagonalgespannten Kuppelfeldern.
  • 12 der 16 Seiten des Polygon-”Runds” sind mit jeweils 2 Rechteckfenstern mit Segmentbogenabschluß versehen; drei Seiten haben statt Fenstern Tore, einst hölzerne mit Glaseinsatz, nunmehr aus Metall; an der letzten Seite schließt sich das Dienstgebäude heran. Jeder Seite ensprechen unter der Kuppel vier Fenstermodule: zusammen ergeben sie einen durchlaufenden zwei Meter hohen Glasband. Die Wände sind gemauert und gestrichen, innen auch verputzt.

    Zur Anlage gehörten ferner ein Heizhaus, ein Brunnen und selbst ein Wasserturm (später durch einen separaten Neubau ersetzt), ferner die Kohlenbansen; bereits 1904 entsteht daraus westlich des Empfangsgebäudes ein großes Ausbesserungswerk. Zur eingebauten Drehscheibe des Kuppeldepots gesellte sich in den 1920ern eine weitere von 16 Metern Größe, ein Radialdepots übernahm dann die größeren Lokomotive: bis spät in die 1980er reparierte die alte Kuppel als Lehrwerkstatt verschiedente Wagen, Loks und Beiwagen. Ein weiteres Jahrzehnt lang stellt man hier Draisinen ab.


    Nach hundert Jahren Betrieb übergab das Ausbesserungswerk den Stab ans seit 1989 bestehende deutsch-polnische “Interlok”. Erst in den neueren Hallen beheimatet, kehrte man 2004 mitsamt den zu restaurierenden Dampfloks ins Radialdepot zurück, dem Urgestein vom Heizhausdom direkt gegenüber. Dieses stehe indes lehr und ist baupolizeilich zum Zugang gesperrt.





    “Okrąglak”, ein Piłaer Bürgerverein, engagiert sich seit 2007 um die Rettung des Rundhauses (was der Name auch bedeute); dasselbe Ziel, wenn auch unter eigenen Gesichtspunkten, schrieb sich auch die “Interlok” auf die Fahnen: beide wollen den Schuppen restauriert und nachhaltig umgenutzt sehen, in ihm werken und austellen, ihn zur Stadt öffnen und auch zum Fluß Küddow hin — des Bootstourismus wegen.
    Seit Juli 2010 steht der Rundschuppen zu Schneidemühl unter Denkmalschutz.


    Unter Verwendung von freundlich zur Verfügung gestellten Aufnahmen von Verein “Okrąglak”.

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