Kategorien

April 2018
M T W T F S S
« Aug    
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
30  

Parkfriedhof Insterburg, ein neues Geschichtskapitel

Von: 12inster_admin34534

Ein Vortrag, gehalten von Eugenia Petraschen und Anastassia Eremina bei der St.Petersburger Konferenz “Historische Parks und Gärten Heute”, am 26. April 2012. Die Konferenz war ein Teil der internationalen Fachausstellung für Stadtverschönerung, Begrünung, Zierblumen und Blumenkunde, “Garten- und Parkgestaltung, Stadt und Blume”.

Ein einzigartiges System von Parks und Gärten, welches aus der alten ostpreußischen Stadt Insterburg beinahe eine Gartenstadt machte, war zu einem guten Teil ein Verdienst des Bürgermeisters des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, Dr. Rosencrantz, und seines in 1917 gegründeten Gartenamtes. Diesem stand Hugo Kaufmann vor.

(Bürgermeister Otto Rosencrantz; Hugo Kaufmann im Amtszimmer, hinter ihm ein Entwurf für den Stadtpark)

Zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts besaß Insterburg bereits erhebliche Grünflächen, doch Kaufmann fiel es zu, sie zu einem künstlerisch-funktionalen Ganzen zu vereinen.

(Stadtpark vor den Umplanungen; Stadtplan)

Kaufmanns Können als Landschaftsarchitekt erkennt man nicht nur an den teilweise erhaltenen Park- und Grünanlagen von Insterburg, sondern auch an seinen Schriften. Kürzlich wiederaufgefundener Entwurf eines Neuen Friedhofs zu Insterburg in «Möllers Deutscher Gärtner-Zeitung» (Ausgabe 27-1919, Seite 212ff) zeigt, welchen besonderen Platz diese Arbeit im Kaufmanns Werk einnimmt.

(Entwurfsaxonometrie, teilweise umgesetzt)

Insterburgs neuer Friedhof gehört zur Gattung Parkfriedhöfe, die in Europa Ende des neunzehnten Jahrhunderts entstand. Solche Friedhöfe sind ein Zeugnis einer neuen Gedenkkultur, den Schmerz über den Verlust der lieben Toten durch paradiesische Bilder zu lindern suchte.

(Lageplan, teilweise umgesetzt)

Die Arbeiten am neuen städtischen Hauptfriedhof Insterburgs begann im Jahre 1919, am östlichen Stadtrand zwischen der Kamsvyker Allee (heutige Gagarinstr.) und dem Steilufer des damaligen Laufs der Angerapp. Ihnen zur Seite legte Kaufmann eine Gärtnerei an, mit Baumschule, Treibhäusern für Sommerblumen und Stauden, Werkstätten und sonstigen Nutzbauten, sowie Wohnungen für Angestellte (ab 1923).

(Altlauf der Angerapp, Nordgrenze des Friedhofs; Gagarinstraße, Südgrenze denselben, mit Anschluß an die “Bunte Reihe“)

(ehemalige Gärtnerei, Westgrenze des Friedhofs; Weg zu den Datschen, Ostgrenze des Friedhofs)

Das Bild setzt sich aus betont naturhaften und betont regulierten Abschnitten zusammen, in einer durch und durch originellen Weise vom Entwurfsautor gesetzt. In der Projektbeschreibung widmet sich Kaufmann sowohl den Gründen, die die Anlage eines neuen Friedhofs und nebst ihm der Gärtnerei notwendig machen, als auch der Grundrißlösung und den Gestaltungsfragen. In Zeitungsartikel finden wir wichtiges zu den Ansichten Kaufmanns: «Der Bildhauer erhält zu seiner Werkstatt einen Ausstellungsgarten, in dem er in geschickter Weise eine Mustersammlung von Friedhofsdenkmälern ausstellt. Die Anlage dieses Gartens ist zur Erziehung des Publikums für wirklich gute Denkmäler nur vorteilhaft…» (unsere Hervorhebung). Auch die Grabfelder wenden im Kaufmannschen Entwurf künstlerisch belegt, indem er den teureren und damit qualitativ besser ausgeführten Arbeiten die Parzellen entlang der Hauptachse zuweist. Im «breiten Waldgürtel» um die inneren Felder finden solche Begräbnisstellen Platz, «die durch besonders schöne Bildhauerkunst zusammen mit der Gartenkunst sich auszeichnen.» Schließlich sind auch die billigeren Reihengräber vorgesehen, die allerdings «nicht, wie auf den gewerbsmäßigen Friedhöfen Totenfelder darstellen, sondern sind durch gartenkünstlerische Um- und Bepflanzung so aufgeteilt, daß sie in kleinere Quartiere zerfallen».

(Entwurfsperspektiven: Grabmal in Achse des Hauptweges, Urnenfriedhof nach Krähenwäldchen, Einfahrt zur Kapelle, Waldgrabstellen an den Hauptwegen, Waldgräber, Waldgräber zwischen Hecken)

Von großer Bedeutung in der Zusammensetzung des Parkfriedhofs von Insterburg sind die Fernsichten in die Weiten der Felder, Blicke, die von einer Klippe mehr als 20 Meter Höhe fallen: «Hinter der Kapelle ist ein Urnenfriedhof projektiert, mit dem Blick über die Angerapp nach dem Krähenwäldchen… Seitlich des hier vorgesehenen Brunnenplatzes sind rechts und links Ruheplätze vorgesehen, welche ebenfalls eine herrliche Aussicht in das umliegende Gelände gestatten.» Diese Panoramen sind der Abschluß der perspektivischen Längsalleen, ein überraschender Übergang von der Enge des diesseitigen Lebens (Allee) in die uferlose Weite.

Erstaunlich, daß der Gartendirektor Kaufmann kein Wort über die geplanten Pflanzungen verlor. Erst die gründliche Untersuchung des sowjetzeitig zerstörten Friedhofs erlaubt uns, seine landschaftliche Bedeutung zu ermessen.

Heute ist der Grundriß des Parkfriedhofs nur im zentralen Bereich klar zu begreifen. Mangelnde Pflege ließ die Büsche großwachsen, Jungbäume kamen ungeordnet hinzu, während andere, wertvolle Altbäume verloren gingen oder sich in schlechtem Zustand befinden. Nichtsdestotrotz ist die Wiese an der Hauptachse immer noch ein Festsaal, umstanden von kerzen- oder säulenhaften Stieleichen, und die Queralleen mit ihren Kugelahornen schaffen dazu einen lebendigen Kontrast. Um die Lichtungen sind Fragmente der einst gestutzten Hainbuchenhecken zu sehen, nunmehr zur vollen Größe ausgewachsen.

(Lageplan, Dienstgebäude, Haupttor und Hauptallee)

Von den seitlichen Nebenalleen, die die symmetrisch angelegten Waldlichtungen mittig durchschneiden, ist die westliche aus gemeiner Buche und die östliche aus Birken.

(Untersuchungsplan)

(Hainbuchenhecken)

(Hauptachse, Stieleichen)

(Westachse, Buchen)

(Ostachse, Birken)

(Fluchtpunkte)

(Schlucht und Kippe, einst und hoffentlich wieder ein Aussichtsplatz)

(Abschluß der Längsalleen, Felder der Umgebung)

(«…Hinter der Kapelle ist ein Urnenfriedhof projektiert, mit dem Blick über die Angerapp nach dem Krähenwäldchen… Seitlich des hier vorgesehenen Brunnenplatzes sind rechts und links Ruheplätze vorgesehen, welche ebenfalls eine herrliche Aussicht in das umliegende Gelände gestatten….»)

Die Funde gestatten es, von Kaufmann als von einem eigenständigen Schöpfermanne zu sprechen, und weisen dem Insterburger Parkfriedhof einen ihm gebührenden Platz in der Geschichte der Landschaftsarchitektur zu. Noch sind die Menschen unter uns, die sich an seine gewesene Pracht erinnern können, denn im Kriege blieb es unberührt. Die ersten sowjetischen Neusiedler konnten hier spazieren gehen und die Schönheit bewundern ihre — wie kam es jemanden nur in den Sinn, die Toten aus ihrer Ruhe zu entreißen, den Friedhof zu planieren und hier ein Vergnügungspark anlegen zu wollen?! Von diesem sind inzwischen aber auch alle Reste verschwunden.

(Grabstätte einst und jetzt, Reste der Grabsteine und ihre Sicherung)

Ein neues Leben soll in dieser einmaligen Landschaft mit Hilfe eines großangelegten Bau- und Heimatkunde-Projekts “insterJAHR” einkehren. Seit 2010 wird es in Insterburg von den Ortsaktiven mit Hilfe von (werdenden) Fachkräften von auswärts abgehalten: Architekten wie Landschaftsarchitekten, Designer und Ingenieure, und Restauratoren aus Rußland, Deutschland, Weißrussland, Tatarstan, Estland und Polen. Den Parkfriedhof nahmen sich die Freiraumgestalter der Kunstfakultät der Universität St.Petersburg zum Thema; ein Konzept eines Jahrhundertwende-Poesieparks wird für dieses Gelände erarbeitet. Passend zum Ort, denn hier fand auch die bekannte insterburger Heimatdichterin Frieda Jung Anfang des 20. Jahrhunderts ihren letzten Ruheort.

(Grabstätte Frieda Jung, nicht erhalten; Portrait der Dichterin)

Die Landschaftkomposition und der Ortsgeist sollen weiterleben, der Park den Bürger wieder zum Spaziergang und Erbauung einladen, wie von seinem Schöpfer einst gewollt. Ausgewählte Verse der russischer und ostpreußischer Dichter des “Silbernen Zeitalters” füllen den Park mit Erinnerungen. Gedenksteine werden an alle Insterburger erinnern, die hier einst ruhten, und auch die Grabstätte der Dichterin Frieda Jung soll wieder zu finden sein.

(ein Vorbild: Friedhof verblichener Friedhöfe zu Danzig)

(ein Vorbild: Platanenhain zu Darmstadt)

(Vorbilder: Texte in der Landschaft. Die Suche gehe fort…)

* * *

Auf verschatteten steinernen Platten,
unterm zierlichen Sichel des Monds,
ladet einen zum Wiedererwandern
— Frieda Jung.
Herbstlich klar und durchsichtig die Lüfte,
Nebel steigen von Teichen empor —
was sind sie denn Heute so trübe,
lieber Herr Architekt Kaufmann?
Mag die Welt sie inzwischen vergessen,
sind dir aber noch immer ein Bild,
derer Burgen, die Türme und Spiere,
alter Park mit Maronen und Steg’.

B.Basuewa, 2012

Kommentieren